Borsfleth | Vor sechs Jahren hat er den Milchviehbetrieb seiner Eltern in den Elbmarschen übernommen und überlegt: „Was mache ich und wo will ich hin?“ Inzwischen hat Hove Thamling zusammen mit seiner Frau Kathrin ein neues Standbein: die Haltung von Galloway-Rindern. Der Hof, der schon über 100 Jahre im Familienbesitz ist, liegt nahe der Störmündung im Ortsteil Ivenfleth und die Thamlings haben neben den 150 Milchkühen stets Ackerbau betrieben. Hove und Kathrin Thamling wollten sich aber breiter aufstellen – auch weil sie gleich nach der Hofübernahme die Milchkrise heftig zu spüren bekamen.

„Wir haben lange überlegt, wie wir unsere Produktionspalette auf mehrere Standbeine stellen können, um das Risiko zu streuen.“

Hove Thamling, Landwirt

Kennengelernt haben sich die 33-jährigen Eheleute, die inzwischen zwei Kinder haben, beim Studium der Agrarwissenschaften. Zum Motiv für die Galloway-Haltung sagt der Landwirt: „Wir verbinden damit mehr Tierwohl, eine nachhaltige Bewirtschaftung und die Erzeugung eines Qualitätsproduktes. Das passt zu uns. Und wir haben keinen Melkaufwand.“ Vor einem Jahr sind sie das Risiko eingegangen und haben angefangen.

Galloway-Rinder sind für die ganzjährige Freilandhaltung geeignet. Die eher kleine, hornlose Robustrasse stammt aus dem Südwesten Schottlands. Ein wesentliches Merkmal ist das schwarze, doppelschichtige Fell mit langem Deckhaar und dichtem Unterhaar sowie eine Fettschicht unter der dicken Haut. Dadurch können die Tiere mit ihrem sparsamen Stoffwechsel auch harte Winter im Freien überstehen. Kraftfutter wird nicht zugefüttert, höchstens etwas Heulage im Winter. Zudem gibt es einen Unterstand, der bei Regen genutzt werden kann.

„Von mir bekommen sie regelmäßig Äpfel, Kartoffeln oder Getreide, damit sie den Kontakt zu den Menschen behalten.“

Kathrin Thamling, Landwirtin

 

Die Kälber werden auf der Weide geboren und in Mutterkuhhaltung groß gezogen. Das artgerechte Rinderleben führt zu einer außergewöhnlichen Fleischqualität: dunkelrot, saftig, mit einer feinen Marmorierung und kurzen Muskelfasern. Ihr Schlachtgewicht haben die Tiere erst nach drei Jahren erreicht. In der Jungbullenmast sind 18 Monate üblich. „Obwohl sie so klein wirken, bringen die Rinder dann als Färsen oder Ochsen ein Gewicht von 600 bis 800 Kilogramm auf die Waage“, so Hove Thamling. Die Herde soll noch wachsen – von aktuell 15 auf 30 bis 40 Tiere.

Weideschuss statt Tiertransport

Um die gute Fleischqualität zu erhalten, setzt das Paar auch auf wenig Stress bei der Tötung und ist dabei einen in der Nutztierhaltung bisher ungewöhnlichen Weg gegangen: den unerwarteten Kugelschuss auf der Weide. Aber der „sanfte Tod in der gewohnten Umgebung“ ist mit viel Aufwand verbunden. Der Weideschuss muss mit der Amtstierärztin, einem Jäger und dem Schlachter koordiniert werden. Da Rinder kein jagdbares Wild sind, bedarf es einer behördlichen Sondergenehmigung.

Polizisten kontrollieren Schlachtung

Mitunter werden sogar Polizisten abgestellt, um zu kontrollieren, ob alles ordnungsgemäß abläuft und keine Gefährdung für andere besteht. Das Rind muss nach dem Töten und Ausbluten innerhalb von 30 Minuten bei der regionalen Landschlachterei sein, wo es drei bis vier Wochen im Kühlraum reift. Erst dann wird das Fleisch zerlegt und verpackt.

Direktvermarktung statt Massenware

Übers Internet oder über den Hofladen Busch in der Blomeschen Wildnis kommt das Fleisch an die Verbraucher. Wegen des Mehraufwandes ist es teurer als anderes Fleisch, aber Hove Thamling ist zuversichtlich: „Wir merken, dass unsere Kunden bereit sind, für regionales und nachhaltig produziertes Qualitätsfleisch mehr Geld auszugeben. Uns macht der Umgang mit den Tieren und auch mit den Kunden inzwischen Freude und wir fühlen uns gut dabei. Aber letztlich wird der Markt über den Erfolg entscheiden.“

– Quelle: https://www.shz.de/29676952 ©2020